Sooo... wieder daheim vom Kino. Da ich keinen Sinn darin sehe, einen komplette Post in Spoiler-Tags zu setzen, direkt die Warnung:
Ab hier Spoiler für den Film und die ersten beiden Bände der Trilogie
Fangen wir gaaanz am Anfang an: Ich war in der 20-Uhr-Vorstellung, der zweiten Vorstellung an diesem Premierentag im Klever Tichelpark-Kino. Ich habe mit einem großen Andrang gerechnet, der blieb aber aus. Ich sah wie die Zuschauer aus der 17-Uhr-Vorstellung rausliefen, und das waren nicht wirklich viele, vielleicht 40-50 Menschen. In unserer Vorstellung waren dann gut 100 Leute, bei einem 400er-Saal. Der große Knaller war es also nicht, was die Zuschauermenge angeht.
Am Wochenende wird das wahrscheinlich schon etwas anders aussehen. Die getroffene Zielgruppe des Films sind offensichtlich etwa 15/16-jährige Mädchen, die etwa 90% des Publikums ausmachten. Die müssen am nächsten Tag in die Schule, da geht man eher am Wochenende. Ich fühlte mich mit meinen 32 Jahren dort schon sehr alt, und war mit Sicherheit in der Top5 der ältesten Besucher an dem Tag.
Nun zum eigentlichen Film. Kurz gefasst: Toll! Eine erstklassige Verfilmung mit perfekter Besetzung. Jennifer Lawrence überzeugt voll und ganz als Katniss, auch wenn sie eigentlich schon zu alt ist. Mich würde es überraschen, wenn sie hierfür eine weitere Oscar-Nominierung erhalten würde, aber ich wäre auch nicht sauer darüber.
Josh Hutcherson als Peeta ist spot on. In der Reihe hinter mir moserten die Mädels, dass er nicht gut genug aussieht für Peeta. Hallo? In den Büchern wird Peeta nie als Schönling beschrieben, eher der leicht kräftig gebaute, blonde Junge von nebenan. Den verkörpert Hutcherson perfekt. Und die Chemie zwischen den beiden stimmt.
Noch großartiger fand ich die Nebendarsteller. Lenny Kravitz, Wes Bentley, Stanley Tucci, Elizabeth Banks und allen voran ein grandioser Woody Harrelson. Die anderen Tribute passen ebenfalls prima zur Vorlage, toll gecastet. Allesamt hätte ich mir nicht besser und/oder passender vorstellen können. Liam Hemsworth war noch etwas unauffällig, aber Gales Auftritte in Buch 1 beschränken sich auch eher aufs gut aussehen.
Apropos Gale... Für mich war das Love-Dreieck Katniss/Gale/Peeta nie ein wichtiger Bestandteil der Buchreihe und blieb dort immer angenehm im Hintergrund. Ich hatte die Befürchtung, dass dies im Twilight-Fahrwasser deutlich aufgebauscht wird. Das blieb dankenswerterweise aus. Ein paar weniger fröhliche Blicke von Gale, wenn er Katniss und Peeta küssend im Fernsehen sieht, mehr eigentlich nicht. Ich hoffe, das bleibt auch in den nächsten Filmen so.
Der wohl größte Unterschied zwischen Buch und Film ist die Perspektive. Im Buch sehen wir die Welt durch Katniss Augen. Das ist in einem Film schwer möglich, ohne uns mit exzessiven Voice-Overs zu bombardieren. Dem Film tut das sehr gut, macht aber auch ein paar kleine Änderungen nötig/möglich. Es wird gezeigt, wie die Zuschauer die Hungerspiele wahrnehmen und wie Haymitch im Hintergrund agiert. Das er nicht der dauerbreite Looser ist, wie er im ersten Buch dargestellt wurde, wird hier schneller deutlich. Gute Vorbereitung für die kommenden Filme, wo er ja nicht unwichtig ist. Und letztendlich sehen wir auch, warum Seneca so handelt und wie er stirbt.
Was auch gezeigt wird ist der aufkeimende Aufstand in Distrikt 11. Geopfert wurde dafür das Brot-Geschenk der 11er an Katniss. Allgemein ist die Interaktion zwischen Rue und Katniss etwas gekürzt, wie auch der Rest der Hungerspiele. In der Höhle haben die beiden gefühlt vielleicht 1-2 Tage verbracht, viel weniger als im Buch.
Schade, aber verschmerzbar ist, wie Katniss an den Spotttölpel-Pin kam. Hier bekommt sie ihn aus der Markthalle, nicht von Madge, der Bürgermeistertochter. Sie gibt ihn Prim vor der Ernte als Glücksbringer und erhält ihn später von ihr zurück. Der Pin an sich taucht ein paar mal im Film auf, wird aber nicht so aufdringlich präsentiert wie ich befürchtet habe. Ist ja nicht nur ein relativ wichtiges Symbol der Revolution, sondern auch ein 1A-Merchandiseartikel.
Ein weiterer großer Unterschied ist der Hunger. Im Buch wurde sehr deutlich gemacht, wie sehr die äußeren Distrikte leiden, wie wenig sie haben. Im Film kommt das sehr viel schwächer rüber. Rue ist hungrig und knabbert genussvoll an ihrem Brathähnchen. Aber der Satz, dass sie noch nie so viel für sich alleine hatte, fehlte leider. Schade, die Unterversorgung in den Distrikten und während der Spiele war für mich ein wichtiger Punkt im ersten Buch. Die Szene mit der jungen Katniss und Peetas Brot-Spende wird gezeigt, verliert aber sehr an der nötige Stärke weil niemand weiß, dass Katniss zu dem Zeitpunkt kurz vor der absoluten Verzweiflung und Aufgabe stand und Peeta ihr damit nicht einen kleinen Gefallen getan, sondern sehr wahrscheinlich ihr Leben und damit auch das ihrer Familie gerettet hat.
Das Ende wurde auch leicht abgewandelt. Die Mutationen sehen nicht mehr aus wie die toten Tribute (was ich sehr begrüße), und jagen Katniss und Peeta aus den Wald Richtung Füllhorn. Dort treffen sie auf Cato, im Buch war es umgekehrt. Cato büßt auch seinen Bodypanzer ein, was mich schon wundern lässt, was er denn beim Fest so wichtiges im Beutel hatte.
Der Streit zwischen Katniss und Peeta während der Zugfahrt nach hause ist als solcher kaum noch zu erkennen, deutlich harmloser als im Buch. Eventuell war das auch sinnvoll. Die beiden gehen im Streit auseinander? Wahrscheinlich rennt Katniss direkt zu Gale und beide werden glücklich miteinander? Nicht das Ende, was die Liebesdreieck-Fans in den zweiten Teil treiben würde.
Fazit: Der Film hält sich sehr nahe ans Vorbild, mehr als ich erwartet habe. Was geändert wurde, kann ich nachvollziehen und/oder verstehen. Ein 140-minütiger Film kann nicht identisch mit einem 400-Seiten-Buch sein, da muss hier und da was gestrafft und angepasst werden. Das ist hier besser gelungen als bei so manch anderer Verfilmung.
8,5 von 10 Punkten. Ich freue mich schon auf die Fortsetzungen. Angeblich sollen die Schauspieler ja alle für 4 Filme unterschrieben haben. Von mir aus gerne