07. Mai 2006 um 20:14 Uhr
6 Jahre zuvor
Abschied[U]
Jillian saß auf ihrem Bett und starrte aus dem Fenster. Der Himmel war grau, Wolkenberge türmten sich auf und verdeckten nahezu alles Sonnenlicht, Regen weichte die grünen Wiesen vor ihrem Haus auf und Tropfen flossen wie strömende Tränen an der Glasscheibe ihres Fensters hinunter. Doch Jill nahm von alle dem keinerlei Notiz.
Ihre Hände waren in ihrem Schoß gefaltet, sie saß steif wie eine Statue auf der weichen Bettdecke und regte sich nicht. Es bestand keinerlei Anlass darin, jemals wieder von diesem Bett aufzustehen, jemals wieder zu sprechen oder sonst irgend etwas zu tun, ihre Welt hatte ganz einfach aufgehört sich zu drehen.
Alles war stehen geblieben, für Jill existierte keine Zeit mehr, denn nichts ergab mehr einen Sinn. Ihr Leben hatte eine Wendung genommen, die so unerwartet und grausam alles zerstört hatte, was ihr wichtig gewesen war, dass sie sich nun nicht vorstellen konnte, dass jemals wieder etwas auch nur annähernd gut werden würde.
Sie hörte Geräusche, das Knarren der Holzstufen in ihrem Haus, jemand schlich die Treppen hinauf. Für einen Moment herrschte Stille, sie hörte jemanden vor ihrer Türe atmen, zögern zu klopfen. Schließlich vernahm sie das Kratzen eines Rings auf ihrem metallenen Türknauf, der gedreht wurde. Die Türe öffnete sich stockend und ihr 3 Jahre älterer Bruder Aaron betrat das Zimmer. Sein Gesicht war blass, seine Augen rot und geschwollen, doch er rang sich ein Lächeln ab, als er sie betrachtete. Jill rührte sich noch immer keinen Millimeter, ihr Blick war konstant auf die Landschaft geheftet, auch wenn sie die eigentlich gar nicht wahrnahm.
Für einen Augenblick stand Aaron unschlüssig vor ihr. Ihn erschreckte der Anblick seiner kleinen Schwester, der seltsame Ausdruck ihrer in die Ferne gerichteten Augen. Er öffnete die Lippen leicht, vielleicht um etwas zu sagen, doch stattdessen setzte er sie neben sie auf das Bett. Der Stoff seines schwarzen Anzugs knisterte laut und er musste die Hosenbeine etwas hochziehen, um richtig sitzen zu können.
Jills Herz raste, wie seit jenem schrecklichen Moment, als sie die Haustüre geöffnet hatte und James Ford, ein alter Freund ihres Vaters, vor ihr gestanden hatte. Niemand hatte ihr sagen müssen, dass etwas furchtbares passiert war und während ihre Mutter im Wohnzimmer mit Ford gesprochen hatte, war Jill hinaus gelaufen und hatte von ihrem Garten aus in den Himmel gestarrt. ‚Daddy komm zurück,’ hatte sie immer und immer wieder geflüstert, doch die Götter von Kobol hatten kein Mitleid mit dem jungen Mädchen, denn ihr Vater würde nie wiederkommen.
Aaron griff nach ihrer Hand und sie spürte, dass seine Haut kalt und klamm war. „Es ist Zeit zu gehen, Jilly,“ sagte er nach einer Weile, in der er einfach nur ihre Hand gehalten hatte und stand auf. Er löste seinen Griff nicht, sondern zog sie hoch, ihre Apathie ignorierend. Jills Beine schienen wie automatisch zu laufen, als wäre sie ein Roboter und nicht mehr länger selbst für ihre Bewegungen verantwortlich. Gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter. Ihre Mutter und ihr ältester Bruder Ryan warteten bereits auf sie, genau wie ihre Großeltern. Alle von ihnen lächelten Jill tapfer an, bemüht in Gegenwart des Kindes ihre Fassung zu wahren, doch keinem von ihnen gelang es wirklich, denn ihre Mutter wischte alle paar Sekunden mit dem Handrücken über ihre Wangen um die Tränen zu vertuschen und ihre Großmutter schluchzte hemmungslos.
Alle verließen das Haus und stiegen in die parkenden Autos. Regen tropfte von den Spitzen ihrer Locken auf ihren Rock, da sie ohne die Regenschirme der Verwandten zu beachten zum Wagen zu gegangen war. Etwas hektisch und besorgt strich ihre Mutter, die neben ihr auf dem Rücksitz saß, durch ihr Haar, als wolle sie die Nässe wegwischen wie die Tränen auf ihren Wangen, doch es war eigentlich nur eine verzweifelte Geste ihrer Hilflosigkeit.
Die Fahrt war viel zu kurz und mit jedem zurückgelegten Meter wurde Jills Herz schwerer. Nie im Leben hatte sie vor etwas mehr Angst gehabt, als vor diesem Tag, vor dieser ganzen Situation und sie hatte das Gefühl, als müsse sie sterben weil ihr Herz dem Kummer nicht länger standhalten könne. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken und so war sie nicht in der Lage, sich auf irgend etwas zu konzentrieren. Sie wollte an ihren Vater denken, an schöne Dinge aus ihrer Kindheit, doch alles was sie vor ihrem geistigen Auge sah, waren Visionen davon, wie es wohl ausgesehen haben musste, als man seinen verbrannten Körper aus der abgestürzten Viper geborgen hatte.
Als der Wagen zum Stillstand kam und ihre Mutter sie drängte, aus dem Wagen auszusteigen, bemerkte sie, das es nicht länger regnete. Die schwarze Wolkendecke war aufgebrochen und gab kleine Stücke blauen Himmels frei. ‚Das ist nicht richtig,’ dachte Jill bei diesem Anblick. Es sollte regnen, alles sollte dunkel und trostlos sein, die Götter von Kobol sollten den Tod ihres Vaters genauso beweinen, wie die Menschen hier auf Erden, der blaue Himmel erschien ihr wie eine Art Beleidigung durch die Götter, die ihr nicht geholfen hatten, als sie sie am Meisten gebraucht hatte. 4 Tage lang hatte sie gebetet, die Daumen gedrückt bis ihre Knöchel blau waren, in der Hoffnung, dass man ihren Vater doch noch lebend finden würde, nachdem er bei einem Gefecht als verschollen galt. Doch sie war enttäuscht worden, allein gelassen, von dem Menschen, den sie am meisten brauchte und dessen Tod für den Rest ihres Lebens eine Lücke hinterlassen würde, die niemand zu füllen im Stande war.
Um das offene Grab herum hatten sich viele Trauergäste angesammelt, von denen Jill kaum welche kannte, doch beachtete sie die Menschen kaum. Die Zeit war für sie wieder stehen geblieben, es gab nur noch sie und den Sarg, vor dem sie stand, auf dem eine Flagge und die Orden ihres Vaters lagen. Vorsichtig legte sie eine Hand auf das glatte, dunkelbraune Holz und strich sanft darüber. „Ich hab dich lieb, Daddy,“ flüsterte sie leise, als ihre Mutter sie auch schon am Handgelenk packte und vom Sarg wegzog.
Ein Priester begann zu reden, doch Jill hörte seine Worte kaum. Ihr Blick war auf den Grabstein geheftet. So sollte es ab jetzt also sein? Ihr Vater war ab jetzt nicht mehr als ein Name auf einem Stein? Nicht mehr als eine Erinnerung an schönere Zeiten? Sie fand diesen Gedanken unerträglich. Zwar hatte Aaron ihr gesagt, dass ihr Vater immer bei ihr sein würde, da sie ihn im Herzen trug, doch das reichte einfach nicht, er war zu unerreichbar für sie. Nie wieder würde sie ihn lachen hören, nie wieder seine Berührung fühlen und zum ersten Mal seit er tot war, wünschte sie sich, er wäre jetzt hier, damit sie ihm all das sagen konnte, wozu sie durch seinen plötzlichen Tod jedoch keine Gelegenheit mehr gehabt hatte. Das sie ihn liebte und brauchte und nie vergessen würde. Das sie all das, was ihr bisheriges Leben zu einer wunderbaren Zeit gemacht hatte, nu ihm verdankte.
Doch all das könnte sie nun nur noch seinem Grabstein erzählen, einer kalten Marmorplatte, so kalt wie sie selbst in ihrem Inneren. Keine Träne lief über ihre Wange, ihre Augen brannten, so trocken vom Wind und so griff sie wie in Trance nach einer Rose, die ihre Mutter bereithielt und ließ sie in das Loch fallen, in welches man den Sarg ihren Vaters gesenkt hatte.
Sie musste an einen Spruch denken, den ihr Großvater ihr einmal aufgeschrieben hatte, als er merkte, dass seine Zeit gekommen war.
Ich bin nicht tot,
ich tausche nur die Räume
ich bin bei dir
und gehe durch deine Träum.
Nur wenige Menschen sind wirklich lebendig.
Und die, die es sind,
die sterben nie.
Nur wenige Menschen lieben wirklich.
Und die, die es tun,
die vergisst man nicht.
Niemand, den man wirklich liebt,
ist jemals tot.
Der Himmel klarte weiter auf, doch der flüsternde Wind blieb. Er fuhr durch ihr Haar, streifte ihre Wange und Jill war es, als vernähme sie eine Stimme, als sie dem Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume lauschte. Sie blickte hinauf und ihr schien als würde sie ihr Vater grüßen - er würde niemals von ihrer Seite weichen, nur würde er von nun an auf eine andere Weise auf sie Acht geben...