von Philip Arendt (penumbra) | 28.01.2010
Homosexualität ist ein Thema, welches in vielen amerikanischen Science-Fiction-Franchises nur zögerlich betrachtet wird. Trotz intensiver Auseinandersetzung mit vielen gesellschaftskritischen Themen hat auch "Battlestar Galactica" eine Auseinandersetzung mit Fragen gleichgeschlechtlicher Beziehungen überwiegend vermieden.Mit der Prequelserie "Caprica" wird sich das grundlegend ändern. In einem Interview mit AfterElton.com spricht Autorin und Produzentin Jane Espenson unter anderem über die Darstellung zweier Hauptcharaktere sowie die Wahrnehmung von sexueller Orientierung in den zwölf Kolonien. Vorsicht vor Spoilern zur ersten Staffel.
After Elton: Wir haben bereits einmal darüber gesprochen, dass es "Battlestar Galactica" und Science-Fiction im allgemeinen versäumt haben, homosexuelle Charaktere zu etablieren. Ich frage mich, wie es passiert ist, dass der Charakter des Sam Adama schwul wurde?
Jane Espenson: Ronald D. Moore hat den Autorenstab am Anfang der Staffel zu einem Schreibworkshop eingeladen und uns seine Vision für die Serie dargelegt. Er wollte uns nicht tagtäglich an die Hand nehmen, aber dennoch an der Entwicklung des Handlungsbogens der ersten Hälfte der ersten Staffel beteiligt sein. Und dabei einige wichtige Dinge über die Charaktere etablieren. Er war es, der sagte: "Lasst uns Clarice in eine polygame Ehe stecken" und ebenso sagte er einfach: "Oh, übrigens: Sam ist schwul".
Er hat das von Anfang an gewusst, schon beim Piloten, bevor ich damit zu tun hatte. Er hat uns vor vollendete Tatsachen gesetzt. Ich war begeistert, denn das hat mir immer in dieser Welt gefehlt. Ich glaube, Ron wollte das schon immer in "Battlestar" einbauen, aber es hat einfach nicht gepasst. Nun hatten wir die Chance es zu tun.
Damals haben wir noch das Wort "schwul" benutzt. Danach habe ich aber begonnen es zu vermeiden. Ich denke, es ist ein Wort aus unserer Welt und auf Caprica würde es so nicht existieren. Leute verlieben sich in die Personen, die sie lieben. Warum braucht es unterschiedliche Worte für Liebe? Eine andere Bezeichnung für eine gleichgeschlechtliche Beziehung zu haben, erschien mir für diese Kultur unpassend. Diese Beziehungen werden als gleichberechtigt und nichts außergewöhnliches angesehen.
After Elton: Die Serie dreht sich um religiöse Konflikte, Rassenunruhen und technologischen Wettstreit. Warum gibt es all diese anderen vertrauten Themen, aber gleichgeschlechtliche Beziehungen sind in dieser Welt kein Problem?
Jane Espenson: Ich interessiere mich dafür, wie Kulturen sich entwickeln. Dafür, was sie wertschätzen, was sie geringschätzen, was ihnen eingetrichtert wird. Was kommt ganz natürlich auf und was nicht? Stellen Sie sich nun eine Kultur vor, in der Herkunft eine Rolle spielt und Leute Vorurteile dagegen haben, aber Geschlecht und sexuelle Orientierung ihnen gar nicht in den Sinn kommen - es ist nicht Teil ihrer Kultur.
Man kann sich fragen, wie wohl deren Steinzeit ausgesehen hat? Warum wurde das in unserer Welt so eng mit Religion verknüpft? Musste das so passieren? Ich denke nicht. Schauen Sie sich die Römer und Griechen an. Blühende, reife Zivilisationen, die eigene Religionen hatten und homosexuellen Beziehungen kein Stigma auferlegt haben. Tatsächlich wurden diese sogar als wahre Liebesbeziehungen angesehen und verherrlicht. Die Beziehung zwischen Mann und Frau drehte sich vor allem um Fortpflanzung, aber das war nicht unbedingt die wahre Liebe, die dich dazu bringt, Gedichte zu schreiben.
After Elton: Wie bereits bei der TCA-Tour geklärt wurde, dreht sich Ihre Welt nicht um das Christentum, von dem viele Vorurteile gegenüber Homosexuellen ausgehen. Kann man das so sagen?
Jane Espenson: Auf jeden Fall. Diese monotheistische Religion auf Caprica ist nicht das Christentum. Es gibt überhaupt keine Jesus-Figur. Die Idee von Erlösung und der Vergebung von Sünden ist da, allerdings hängt es von der jeweiligen Kultur ab, wie "Sünde" definiert wird.
Stellen Sie sich vor, die Monotheisten übernehmen diese Welt. Würden sie plötzlich sagen, dass Homosexualität eine Sünde ist? Nein! Deswegen kann Clarice eine leidenschaftliche Monotheistin sein und in einer polygamen Ehe leben. Da gibt es keinen Interessenkonflikt.
After Elton: Ist die polygame Ehe kein soziales Thema? Ich frage mich das, da Lacy, als sie davon erfährt so etwas sagt wie: "Oh, ich habe schon Kinder aus Gruppenehen kennengelernt." Sie schien mir etwas überrascht, es war ungewöhnlich für sie.
Jane Espenson: Ja, sie war überrascht. Es ist etwas ungewöhnlich, aber nicht sehr. Es ist wohl vergleichbar, zu erfahren, dass jemand, den sie gut kennen, in einer Beziehung mit einer Person aus einer anderen Kultur lebt. Sie wären zunächst überrascht. Aber dann würden Sie sagen: "Ich bin überrascht, weil ich es nicht wusste, nicht weil es mich schockiert."
After Elton: Sam wird sehr beiläufig, spontan als schwul geoutet. Nichts im Fernsehen passiert aus Zufall - was haben Sie sich bei dieser Offenbarung gedacht?
Jane Espenson: Ich habe mich darum bemüht, ihn ganz beiläufig zu outen. Ich wollte, dass es nebenbei und vor Willie [Adama] passiert. Wir sollten wissen, dass Willie es weiß. Wenn wir wissen, dass Willie es weiß, dann sagt uns das sofort, dass es nichts schockierendes ist oder etwas, dass vor Kindern verborgen werden muss. Es ist auch nicht das erste Mal, Willie weiß es schon. Die Dinge sind halt so.
After Elton: Wir haben bereits gesehen wie Sam jemanden ermordet hat. Am Ende der Folge 1.03 wird ihm der Auftrag gegeben, überraschend eine bestimmte Person umzubringen - aber das verraten wir hier nicht. Was denken Sie über den Charakter von Sam? Wie betrachten Sie ihn? Er hat, auf der einen Seite, ein liebevolles Privatleben und eine wundervolle Beziehung, ist gleichzeitig aber auch ein Mörder.
Jane Espenson: Er ist ein Mörder. Allerdings nicht der verrückte Serienkiller-Typ oder ein Psychopath. Er ist ein Mann mit einem Beruf, ein Mann mit einem Herz aus Gold. Er sorgt für Gerechtigkeit, da er denkt, dass die Obrigkeit das nicht tun kann. Er hat seine Füße auf dem Boden. Die Ha'la'tha ist eine Gruppierung der Menschen, die für Gerechtigkeit sorgen will und er ist das Instrument dafür.
Letztlich würde er diese Arbeit wohl lieber nicht tun. Er spricht davon, dass er seinen Job nicht mehr machen möchte, wenn er und Larry eine Familie gründen. Er hat einen starken moralischen Kern. Nur verlangt ihm sein schwieriger Job einige schwierige Entscheidungen ab. Würde er in einem Krankenhaus arbeiten und müsste darüber entscheiden, wann ein Patient nicht mehr gerettet werden kann, würde er das wahrscheinlich ganz ähnlich sehen. [...]
After Elton: Vielleicht habe ich die Ha'la'tha falsch verstanden? Sind sie vergleichbar mit der Mafia?
Jane Espenson: Ja.
After Elton: Sie haben gesagt, dass sie für Gerechtigkeit sorgt. Ich glaube nicht, dass die Mafia wirklich für Gerechtigkeit sorgt sondern mit Angst und Schrecken an der Macht bleibt.
Jane Espenson: Das hängt davon ab, mit wem Sie zu tun haben - Leute in der Organisation oder außerhalb. Wenn jemand in der Gruppe sein Geld nicht abgibt, führt das zu Unruhen und Bandenkriegen und Tod. Er hat etwas falsch gemacht, es muss für Gerechtigkeit gesorgt werden und Sam würde sich darum kümmern müssen. Der Richter, der einen Gefangenen nicht entlässt, obwohl er die Bestechung angenommen hat, muss beseitigt werden. Er hat sich nicht an Abmachungen gehalten und das ist nicht fair.
Ich verteidige Gangster! Ich wollte damit nicht meinen Tag verbringen, aber ich möchte in Sams Blickwinkel eintauchen. Ich habe das Gefühl, dass Sam vieles rationalisiert und ich möchte das nachvollziehen können. Es hilft, den Charakter zu verstehen.
After Elton: Es ist ein schmaler Grad, auch für die Zuschauer. Wir alle wissen, wie kaltblütig die Sopranos sein konnten und dennoch haben Zuschauer diese Leute gemocht.
Jane Espenson: Und natürlich läuft man Gefahr, einen bösen schwulen Charakter zu präsentieren. Vielleicht tun wir ja aber auch etwas Gutes, weil wir zeigen, dass ein schwuler Charakter auch stark sein kann und nicht, Sie wissen schon, Inneneinrichtungen von Nobelrestaurants gestaltet.
After Elton: Das klingt sehr nach dem Jahr 2010. Ich mag den Charakter wirklich sehr.
Jane Espenson: Wir haben uns damit auseinandergesetzt. Sam ist ein Mörder, Clarice ist eine Terroristin. Die beiden sind unsere Aushängeschilder für sexuelle Diversität. Richten wir mehr Schaden an als Nutzen? Aber wir haben uns immer darauf konzentriert, aus ihnen komplexe, reale Personen zu machen, welche wir nicht verbiegen um ihrer Orientierung gerecht zu werden. Sie sind die interessantesten Figuren in unserer Welt und der Geschichte, und ihre Sexualität wird dadurch nebensächlich. Es wird Zeit, dass genau das passiert.
After Elton: Wie sieht die Beziehung von Sam und Joseph aus?
Jane Espenson: Sam und Joseph! Ich liebe ihre Beziehung. Sie sind gute, sich unterstützende Brüder. Wir finden mehr über ihre Vergangenheit heraus. Es wird eine Episode geben, in deren zweiten Hälfte wir ihre Kindheit auf Tauron während des Bürgerkrieges betrachten. Wir erfahren auch mehr darüber, was sie übereinander denken.
Sie unterstützen sich. So viel sie auch streiten und kämpfen und sich anschreien, sie versuchen sich doch gegenseitig zu retten und zu beschützen. Sie sind ein gutes Team. In einer Szene ist Sam wütend auf Larry und Joseph reagiert: "Ich habe keinen Ehepartner mehr. Du solltest schätzen, was du hast."
Eine wundervolle Szene. Ich hoffe, sie hat es in die Episode geschafft. [...] Wir schreiben und drehen mehr als in eine Folge passt und manche Sachen fallen leider weg. Sam und Larrys Szenen - das Privatleben eines Nebencharakters - sind Sachen, die oft wegfallen. Wir sehen nicht so viel von Larry, wie ich gehofft hatte.
After Elton: Was ist mit Sam und Willie? Das erscheint mir interessant und verwirrend. Ich kann Sams Motivation nicht abschätzen oder sagen ob Joseph die Sachen unterstützt, welche Sam dem Jungen beibringt.
Jane Espenson: Sam muss einspringen, da sein Bruder zu sehr abgelenkt ist um sein übrig gebliebenes Kind zu erziehen. Joseph steigert sich in den Verlust seiner Tochter Tamara hinein. Willie bleibt dabei auf der Strecke und Sam kümmert sich darum.
Joseph würde das sicher nicht wollen. Er ist ein Anwalt der Ha'la'tha aber er betrachtet Sams Arbeit kritisch. Sam gibt allerdings sein Bestes. Viele unserer Charaktere versuchen einfach nur ihr Bestes zu geben. [...] Ich denke, Joseph versteht das letztlich. [...]
After Elton: Wie würden Sie Sams Weg in dieser Staffel in wenigen Sätzen beschreiben?
Jane Espenson: Sam wird davon angespornt, sich um seinen Bruder zu kümmern, jene Dinge zu tun, welche dieser nicht tun kann. Er bleibt sich treu. Wir wissen, dass Sam ein faszinierender Charakter ist und er hat uns alle in seinem Bann. Wir versuchen ihm viel Material zu geben, das offensichtlich nichts mit seiner Sexualität zu tun hat. Wir wollten ihn nicht in der Show haben "um schwul zu sein". Er ist da um Sam zu sein.
Später in der Staffel hat er ein Abenteuer mit Daniel und Amanda. Wir vermischen diese Charaktere. Sie arbeiten zusammen an einem Projekt. Dabei denkt man auf Grund der Ereignisse zu Beginn, dass diese Figuren sich niemals begegnen würden. Wir arbeiten sehr daran, Sam so gut wie möglich in die Serie zu integrieren. Dadurch erfahren wir mehr über ihn und seine Moralvorstellungen: Was wird er tun, was wird er nicht tun?
After Elton: Auf BuddyTV gab es vor kurzem eine Umfrage bezüglich der Richtung, die Syfy eingeschlagen hat - insbesondere in Bezug auf "Caprica". 77% der Leute mochten diese Richtung nicht. Wie sehr besorgt es Sie, an einem Spin-off zu arbeiten, was immer schwierig ist, und dazu noch eine ganz andere Art von Drama für Syfy zu entwickeln?
Jane Espenson: Wenn man anfängt sich um Umfragen zu sorgen, hat man Probleme. Du schaltest dann deinen inneren Kompass ab, sorgst dich immer darum, ob Leute nun das wollen oder - halt - vielleicht nicht lieber jenes?
Man muss jedoch dem eigenen inneren Kompass folgen. Alles was du tun kannst, ist die Serie zu schreiben, welche du sehen möchtest. Solange wir das versuchen, sind wir auf dem richtigen Weg. Ich unterscheide mich wahrscheinlich gar nicht so sehr vom typischen Syfy-Zuschauer. Ich weiß, was ich sehen möchte. Wenn ich etwas schreibe, dass mich befriedigt, dann wird das wahrscheinlich auch Leute befriedigen, die wie ich sind. Wenn ich dagegen für Leute schreibe, die nicht wie ich sind und ich nur errate was sie wollen - das wird einfach nicht funktionieren!
Quelle: Interview mit AfterElton.com
Weiterführende Links:
- Jane Espenson im Forum
- Portal zu "Caprica" auf Caprica City

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28. Januar 2010 um 13:50 Uhr










