Caprica-City-Forum: Dave Eggers - Weit gegangen - Caprica-City-Forum

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Dave Eggers - Weit gegangen
"Aber jeder muss gehen, ganz gleich, von wem er geliebt wird."

#1 Mitglied ist offline   Caprica 

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17. Februar 2012 um 19:01 Uhr

Der Buchclub geht in eine neue Runde - und liest im Februar Dave Eggers weit gegangen:

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Es darf diskutiert werden.
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#2 Mitglied ist offline   Mel 

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17. Februar 2012 um 20:45 Uhr

Es kam gestern und es ist 'dicker' als ich dachte - sorry!

Davon abgesehen... ich habe einfach mal eine Seite im ersten Drittel aufgeschlagen zum Reinlesen und bin erstmal nicht weggekommen. Nach ca. 10 Seiten dachte ich mir dann, dass diese Art nicht die Effektivste ist ein Buch zu lesen... aber es war so fesselnd!!! Ich habe dann doch von vorne angefangen; musste aber uhrzeitbedingt nach ein paar Seiten schon die Segel streichen.

Mein erster Eindruck: kein leichtes Thema, wenn man nicht aus den Augen verliert, dass der Inhalt auf eine 'wahre Lebensgeschichte' basiert - aber gut geschrieben und gut beschrieben. Ich kann's nicht erwarten nachher weiter zu lesen.
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#3 Mitglied ist offline   Caprica 

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17. Februar 2012 um 23:08 Uhr

Geht mir ähnlich - ich bin auch schon mit den ersten hundert Seiten durch *g*

Was mich überrascht hat - die Erzählstruktur. Also der häufige Perspektivenwechsel von Gegenwart zu Vergangenheit, und dass es in der Gegenwart überhaupt eine richtige Handlung gibt. Das ist alles sehr spannend bisher.
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#4 Mitglied ist offline   Caprica 

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22. Februar 2012 um 19:38 Uhr

Und, wie sieht es bei euch aus? Gefällt euch das Buch?

Mein Fazit bisher: sehr spannend und interessant!

Was mir, wie schon erwähnt, besonders gefällt, ist der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Man liest nicht nur, was Achak passiert ist, sondern auch, was es aus ihm gemacht hat, was an seinem Verhalten sich geändert hat und was nicht. Welche Folgen das, was er erlebt hat, für ihn und seine Umwelt hat.

Achak finde ich bisher sehr bewundernswert. Dass er trotz allem nur Lebenswillen hat, dass er bereit ist, Freundschaft zu schließen, dass er Fremden gegenüber offen und aufgeschlossen ist.

Außerdem motiviert das Buch dazu, sich noch mal genauer mit den politischen Geschehnissen im Sudan zu beschäftigen. Ich hatte die Teilung des Sudans nur am Rande mitbekommen, ohne wirklich zu wissen, warum es zu dieser Teilung kam und was da alles vorher passiert ist.
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#5 Mitglied ist offline   wrath-of-math 

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23. Februar 2012 um 14:35 Uhr

Das Buch ist auf jeden Fall fesselnd und bewegend, da stimme ich euch voll zu. Allerdings kann ich davon nicht zu viel an einem Tag lesen, denn es laugt einen schon irgendwie aus. Spätestens wenn die Angriffe auf Marial Bai beginnen, wird es wirklich sehr heftig, eben weil es tatsächlich so oder so ähnlich geschehen ist. Die Massaker in Westeros lassen sich da aufgrund des fehlenden Realitätsbezugs leichter verdauen ;) .

Die Kombination mit der Gegenwartshandlung gefällt mir auch. Ich hatte anfangs befürchtet, das Achak seine Geiselnehmer durch das Erzählen seiner Lebensgeschichte auf seine Seite ziehen würde - eine eher kitschige, hollywoodeske Vorstellung. Doch Eggers ist zum Glück schlauer. Achak erzählt den Leuten seine Geschichte zwar, nur nicht laut, sondern in Gedanken. Eine tolle Idee.
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#6 Mitglied ist offline   anakatarana 

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02. März 2012 um 18:13 Uhr

Interessant ist das Buch auf jeden Fall und an sich fällt es auch in mein Leseschema - nur im Moment komme ich allerdings sehr, sehr langsam voran.

Etwas unglücklich finde ich die Erzählweise von der Vergangenheit gewählt - gut, der Sprung zwischen Gegenwart und Vergangenheit lässt sich so gut nachvollziehen, aber gerade bei der fast wörtlichen Rede in der Vergangenheit stört es mich beim Lesefluss ungemein.
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#7 Mitglied ist offline   Caprica 

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03. März 2012 um 15:39 Uhr

 anakatarana, on 02. März 2012 um 18:13 Uhr, said:

Etwas unglücklich finde ich die Erzählweise von der Vergangenheit gewählt - gut, der Sprung zwischen Gegenwart und Vergangenheit lässt sich so gut nachvollziehen, aber gerade bei der fast wörtlichen Rede in der Vergangenheit stört es mich beim Lesefluss ungemein.


Das hat mich irgendwie gar nicht gestört. Ich kannte das schon aus "Ein fliehendes Pferd", da hat Martin Walser seinen Protagonisten auch nie direkt die wörtliche Rede wiedergeben lassen, aber da fiel mir das auch irgendwann gar nicht mehr auf.

Ich habe das Buch schon eine ganze Weile durch und finde es insgesamt sehr gut. Alleine schon, weil das ein Thema ist, über das ich so kaum was mitbekommen habe. Mich hat die Geschichte insgesamt auch ein bisschen zwiegespalten zurückgelassen - einerseits hat Achak selbst es bis nach Amerika geschafft und ist dort relativ glücklich, andererseits wächst in den Lagern teilweise die 2. Generation heran.
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#8 Mitglied ist offline   wrath-of-math 

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26. März 2012 um 18:56 Uhr

Zwischendurch fand ich das Buch ja sehr anstrengend und trostlos, auch wenn das sicherlich zu erwarten war. Spoiler Tabithas Tod war beinahe ein Schicksalsschlag zu viel für mich (inbesondere weil man sich nie hundertprozentig sicher sein kann, was wirklich so geschehen ist, und was Teil von Eggers Fiktion ist, auch wenn ich annehme, dass die wichtigsten Punkte und Stationen der Geschichte wahr sind).

Dennoch: das Buch endet sehr stark. Besonders die letzten zwei Kapitel runden das Buch thematisch sehr gut ab und machen aus etwas, das mir streckenweise "nur" wie eine interessante Reportage erschien, etwas viel tieferes: eine Reflektion über Selbstbestimmung und den Mut, sein Leben zu verändern und zu verbessern; eben nicht die Kuh sondern das unbekannte Was zu nehmen. Das Buch ist in dieser Hinsicht auch durch und durch amerikanisch, was nichts schlechtes bedeuten soll.

Auch sehr gelungen fand ich, wie Weltereignisse (Dianas Tod, diverse sehr bekannte Terroranschläge) zunehmend mehr in Achaks Geschichte eingebunden wurden, und wie unterschiedlich diese von den Flüchtlingen interpretiert wurden.
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#9 Mitglied ist offline   Caprica 

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09. April 2012 um 14:24 Uhr

Ich habe in der Zwischenzeit auch noch "They poured Fire on Us From the Sky" von Benson Deng, Alephonsion Deng und Benjamin Ajak gelesen. Die beiden Dengs sind Brüder, Benjamin ist ihr Cousin. Das Buch unterscheidet sich insofern von Eggers Roman, als dass die drei Autoren aus ihrer Sicht erzählen, welchen Weg sie gagangen sind - und zwar so, wie es tatsächlich passiert ist, ohne Fiktion. Durch die drei verschiedenen Perspektiven folgt man drei verschiedenen Wegen, die sich immer wieder kreuzen. Was spannend ist, mitunter aber auch ein bisschen verwirrend. Auf jeden Fall hatte ich das Gefühl, dass die drei noch stärker herumgeschubst wurden als Achak - sowohl im geographischen, als auch im zwischenmenschlichen Sinn. Und trotzdem hat keiner der drei Überlebenden jemals aufgegeben oder seinen Willen sich weiterzukämpfen verloren. Ich finde es erschreckend, was den Kindern (nein, der ganzen Bevölkerung) passiert ist, und wie wenig davon tatsächlich bis in den Westen dringt. Und bewunderswert, wie die Betroffenen damit teilweise umgehen.
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#10 Mitglied ist offline   Mel 

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22. April 2012 um 12:08 Uhr

Ich kann mich all meinen Vorrednern nur anschließen. 'Weit gegangen' ist ein Buch, dass zum Mit- und Nachdenken anregt. Und zu einem Update der Geographiekenntnisse... *hust* Auf der Karte sieht der Sudan immer relativ klein aus - warum der Bub' wochenlang durch die Pampa gelaufen ist, musste mir erstmal Wiki erklären. *Asche auf meine Tomaten*

In der 'Mitte' fand ich das Buch etwas langatmig und bin wieder ins 'Vor-/Zurückblättern' verfallen und auch einige gedankliche Ansprachen an TV-Boy fand ich unnötig, aber alles in allem lud das Buch zum Weiterlesen ein und ich hatte es zügig durch - wenn ich auch heute erst darüber schreibe. ;-))

Was mich irritiert und faszniert hat, war teilweise Achaks 'Obrigkeitstreue'. Während mir bewusst ist, dass der Erziehungsstil und das generelle Verhältnis zu älteren Mitmenschen ein anderer ist, als hier im Westen, bin ich doch erstaunt, dass Achak sich immer wieder hat 'von oben leiten lassen'; egal wie's manchmal ausging. Hier und da habe ich auf eine Art innere Rebellion gewartet, aber eine gewisse Art des Auflehnens und der Enttäuschung gegenüber Älteren, die in seinem Leben eine Rolle spielen, fand erst nach einiger Zeit in den USA statt.
Lässt einen der Überfluss anders denken, handeln? Gewiss, es ging (geht?) ihm immer noch nicht perfekt, aber in den Staaten lebte er weitaus besser als im Sudan/Kenia. Auf der Bedürfnispyramie hat er mitlerweile viele Etagen hinter sich gebracht; läßt ihn jetzt der letzte Wunsch nach Selbsterfüllung (Studium, guter Job) anfang mit dem Leben zu hadern?

Zum Abschluss noch aktuell im Sudan: Sudan-South Sudan Conflict: Sudan Launches Border Attacks, Says Official und Sudan Conflict: Obama warns - da ist wohl noch lange kein Ende in Sicht.
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#11 Mitglied ist offline   Caprica 

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24. April 2012 um 08:26 Uhr

 Mel, on 22. April 2012 um 12:08 Uhr, said:

Zum Abschluss noch aktuell im Sudan: Sudan-South Sudan Conflict: Sudan Launches Border Attacks, Says Official und Sudan Conflict: Obama warns - da ist wohl noch lange kein Ende in Sicht.


Ja, und dabei geht es eigentlich nur um Geld / wirtschaftliche Interessen.
Der Darfur-Konflikt ist ja auch noch nicht vorbei, und im Süden beginnen nun wohl auch einzelne Clans, gegeneinander zu kämpfen. Davon mal abgesehen, dass der Südsudan sich auch immer noch in einem desolaten Zustand befindet. Kakuma existiert ja auch noch, die Umsiedlung hat zwar schon begonnen, ist aber noch lange nicht abgeschlossen.

Zu Achak: Ich könnte mir vorstellen, dass der Mangel an Bildung bis zur Unterbringung im Camp einer der Gründe dafür sein könnte, dass er einfach tut, was man ihm sagt. Er selbst kannte vor Beginn seiner Flucht ja nichts außer seiner unmittelbaren Umgebung, so dass Ältere, die mehr Bildung oder aber zumindest mehr Wissen haben als mehr, in seinen Augen vlt. auch eher Recht haben? Zudem er ja auch lange Zeit von den Älteren abhängig ist und, trotz der negativen Erfahrungen, immer wieder Hilfe von Erwachsenen erhält.
im "Fire"-Buch war es auch so, dass sich die Geschwister/Cousins immer sehr gefreut haben, wenn sie Verwandte gefunden haben, insbesondere ältere Verwandte. Deren Anweisungen wurde dann auch sofort Folge geleistet. Die Jungs hatten aber einfach auch keine Ahnung, was da im großen Gesamtzusammenhang passiert, wo sie hinkönnen, wo sie sicher sind. Ich glaube, das Vertrauen in Ältere war da vielleicht auch einfach ein Mittel zum Überleben, egal, wie oft sich der Weg der Erwachsenen als falsch herausgestellt hat (mit einer Ausnahme übrigens - die Geschwister fliehen aus einem SPLA-Camp, weil sie feststellen, dass sie hier keine Schuldbildung erhalten und der Kriegsdienst sie wahrscheinlich umbringen wird).

Von der Abhängigkeit mal abgesehen kann halte ich es aber auch für möglich, dass Achak (und den anderen Lost Boys) schlicht die Kraft gefehlt hat, sich gegen irgendjemanden aufzulehnen, körperlich sowieso nicht, aber auch nicht geistig. Selbst in Kakuma haben die Flüchtlinge ja noch Hunger gelitten und waren im "Überleben"-Modus. Du hast ja die Bedürfnispyramide schon erwähnt. Selbstverwirklichung, Anerkennung, etc. stehen da ja ganz oben, während die Grund- und Sicherheitsbedürfnisse das Fundament bilden. Und um letztere zu befriedigen, war wohl die Obrigkeitstreue von großer Bedeutung. Und wurde trotzdem nicht voll erfüllt.
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#12 Mitglied ist offline   Mel 

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15. September 2012 um 06:27 Uhr

Deutsche Botschaft in Sudan gestürmt

Da wir ja hier schon leicht tagespolitisch geworden sind...

Zitat

Islamistische Gruppen hatten nach dem Freitagsgebet zu den Protesten aufgerufen. Sie forderten die Ausweisung des amerikanischen und des deutschen Botschafters. Nach einem Bericht der Zeitung "Sudan Tribune" hatte die sudanesische Regierung den islamkritischen Schmäh-Film "Innocence of Muslims" zuvor scharf verurteilt.


Leider finde ich den Artikel gerade nicht, in dem gesagt wird, dass dieses Eskalation nicht nur durch den Film herbeigeführt wurde - sondern durch die generellen Lebensumstände in diesen Ländern.
Unter Gewalt aufwachsen fördert die Gewaltbereitschaft - und nun wäre der Zeitpunkt gekommen, wo (gerade Jugendliche und junge Erwachsene) ein Ventil gefunden hätten, um ihren Frust ob der Umstände abzulassen. (vgl. Capricas letzten Beitrag)

Ich habe den 14-Minuten-Trailer von IoM auf youtube gesehen und stelle fest, dass ich wieder mal in die 'Denke' der Muslime nicht rein-, ja nicht mal nahe, komme. Ist jetzt vielleicht kein Werbevideo, um die Religion zu wechseln, würde aber auch keine großen Diskussionen entfachen, wenn jetzt nicht diese Ausschreitungen wären. Das Video ist wohl über 2 Monate im Netz relativ unbeachtet geblieben, bis es - pünktlich zu 9/11 - eine Runde gepusht wurde...
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