Im All - später Abend - 98. Tag
Sally Marlene Wainwright, Caroline Miller, Maybelline Jade, Tek Jameron
Achtung, sehr lang
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Sally starrte den Captain an, als ob er aus dem Märchen wäre. Dann nickte sie langsam. Immerhin war er Captain und sie nur Ensign. Und dann mochte er ja recht haben. Die Toaster waren mordsstabil. Mussten es ja auch sein, so als Blechkameraden. Ein Mensch dagegen ging recht schnell kaputt. Aber weshalb sollte ein Mensch sich darauf einlassen, den Zylonen zu dienen? Das war doch eine loose-loose-Strategie. Oder hatte jemand Spaß daran, durch eine radioaktiv verstrahlte Welt zu taumeln? Lächerlich.
Und dann schien dieser Mensch da hinten ja gerettet werden zu wollen. Sie selber wäre auch heilfroh, wäre sie an dessen Stelle. Nein, hier lag der Captain eindeutig daneben. Aber er war Captain, also würde sie ihm gehorchen... erstmal. Also gab Sally ein wenig Schub und manövrierte ihren schweren Raptor näher heran.
Caroline sträubten sich auch die Nackenhaare. Aber aus einem ganz anderen Grund. SIE wusste von menschlichen Zylonen. Zumindest hatte sie davon gehört. Drei hatten sie gefunden. Und auch wenn sie noch nie einen von denen gesehen hatte, erschien ihr die Existenz von denen logisch. Es erklärte ja auch die Existenz der Zylonen als solches. Blechbüchsen konnten nicht kreativ sein, Menschen schon. Natürlich hatten Menschen schon immer hinter diesen Metalleimern gestanden. Schon immer. Nur jetzt waren sie auch mal in Erscheinung getreten. Und natürlich gab es nicht viele. Nur eine Handvoll Verräter, die immer wieder geklont wurden. Oder was auch immer - Caroline war das egal. Aber so einen zu erwischen... Da konnte man ihm endlich mal einbläuen, was man von diesem Angriff so hielt!
Ach, Caroline war eigentlich eine sehr friedfertige Person, aber das hier... das war eine Chance!
Zufrieden und gleichzeitig etwas böse grinsend achtete sie weiter auf ihre Instrumente, bereit, sofort eine Warnung abzugeben, sobald sich an Bord dieses Raiders irgendetwas tat. Energetisch oder mechanisch. Egal. Und sie zweifelte nicht, dass Sally das Teil dann in den Hades blasen würde.
Maybelline Jade hing ungesichert aber sich mit einer Hand festhaltend an der Außenhülle des toten Raiders. Mit der anderen Hand winkte sie weiter. Und sie hätte fast vor Erleichterung geheult, als der feindliche Raptor langsam näher kam. Immer näher, so dass sie zuletzt den Piloten durch das Frontfenster sehen konnte.
Sie machte sich bereit, mit einem kurzen Schwung zu dem anderen Schiff hinüber zu springen. Sobald die eine Luke öffnen würden...
Tek ging langsam und bedacht zum Fenster des Cockpits und stellte sich neben die Pilotin und musterte kurz die Gestalt die sich da festhielt. Der Anzug war recht eng und wies weibliche Formen auf. Langsam hob er seinen Helm so dass die fremde Gestalt es sehen musste. Mit einem Finger tippte er mit übertrieben großer Gestik damit sie es ja sehen konnte gegen das Mikroseines Helmes und zeigte dann die aktuelle Frequenz des Raptors mit Fingern. Er hoffte dass sie verstehen würde.
Immer wieder gingen ihm die Ungereimtheiten dieses merkwürdigen Treffens durch den Kopf. Irgendetwas stank da doch zum Himmel. Aber es gab zu wenig Infos als, dass er irgendwie errechnen oder erraten könnte was hier vor sich ging. Verdammt noch eins. Dann schaute er weiter starr auf die Person da draußen und horchte ob sie auf seine Anweisung reagieren würde...
Hoffentlich verstand sie es überhaupt.
Maybelline sah neben der Person, die wohl der Pilot des Schiffes dort war eine weitere Gestalt auftauchen, die dann sogar den Helm abnahm. Ein Mensch, ein Mann. Und er wirkte nicht böse oder ärgerlich. Sie war sehr froh und bemerkte er nach einigen Augenblicken, dass er auf seinem Helm herum tippte, so als ob er ihr eine Nachricht zukommen lassen wollte. Sie aktivierte kurz ihr eigenes Helmmikro und die Helmkamera und funkte dann den Centurion an.
"Centurion, kannst Du mir erklären, was der Mann dort von mir will?"
Die Antwort kam umgehend und in elektronisch modulierten Worten: "Es ist offensichtlich, dass dieser Mensch einen Kommunikation erwartet. Ein Scan der Frequenzen hier hat drei gebrauchte Kanäle ermittelt. Einer wird für Sprechfunk genutzt. Die Frequenz ist 144.25."
"Danke!" erwiderte May und schaltete dann ihren Helmfunk auf jene Frequenz.
"Hallo?" fragte sie dann. "Hört mich jemand..?"
"Hallo? Hört mich jemand..?" scholl es aus den Lautsprechern des Raptors.
Ein kurzer Blick auf die beiden Frauen in den Raumanzügen der Kolonialen Flotte zeigte ihm, dass wohl er reden sollte. Wenn nicht würden sie sich schon einmischen. Immerhin war er hier der misstrauische.
"Hier spricht Captain Tek Jameron an Bord eines Raptors der Kolonialflotte zugehörig zum Flottenhauptquartier Picon. Gemäß des Kriegsrechts der 12 Kolonien nehme ich an dass sie durch die Cylonen gefangen genommen worden. Bitte identifizieren sie sich und erklären sie wie... sie unseren Treffer überstehen konnten sowie warum die Cylonen sie gefangen haben. Ich hoffe sie verstehen das wir vorsichtig seien müssen."
Er sagte bewusst Flottenhauptquartier Picon. Sie würde darauf antworten in der ein oder anderen Weise was ihm den Vorteil geben würde zu wissen wie viel sie weiß. Durch die mehr oder weniger steife Art der Erklärung würde sie ebenfalls sehen dass sie es mit dem Militär zu tun hatte und es noch organisiert war. Gespannt wartete er auf eine Reaktion der Fremden und der beiden Frauen im Raptor.
Captain Tek Jameron... das war ein Millitär, wie er im Buche stand. Zumindest wenn man seinen Worten vertraute. Jeder Satz war eine Aussage. Keine Wärme war darin enthalten und das machte ihr Angst.
Jetzt musste sie etwas antworten. Aber was? Wenn die Menschen sie als Feind ansahen, würden sie sie sofort niederschießen ohne ihr die Chance zu geben, sich zu ergeben. Aber dazu müsste sie lügen und das würde nach ihrer Enttarnung sicher gegen sie sprechen. Dennoch...
"Ich... ich weiss überhaupt nicht, was hier vor sich geht, wer Sie sind und wo ich hier bin. Bitte, holt mich hier einfach nur weg. Mein... mein Name ist Jade. Maybelline Jade. Ich komme von..."
Was immer sie noch hatte sie sagen wollen ging in lautem Gelächter unter. Und es dauerte Sekunden, ehe Sally sich wieder eingekriegt hatte. Caroline dagegen hatte riesige Augen bekommen.
Leicht runzelte Tek die Stirn bei der Aussage der Fremden. Sie wusste nicht wo sie war oder wer er war. Ja klar woher auch. Aber der Rest. Es wirkte zu perfekt. Warum sollten die Toaster sie unter einer Narkose oder so gehalten haben. Sie war offensichtlich keine Militär. Ärgerlich schaute Tek zu Sally als diese in ein schallendes Gelächter ausbrach.
"Soldatin... wurde ein Witz gerissen?"
Ohne noch auf eine Antwort Sallys zu warten schaute er kurz zu Caroline herüber ihre aufgerissenen Augen bemerkend.
"Wenn sie etwas wissen... raus damit solange ich mit der Frau draußen rede."
Dann wandte Tek sich wieder dem Fenster zu und begann wieder in das Mikro zu reden.
"Miss Jade... Sie befinden sich im freien Weltraum. Wir gehören zur 13. Flotte der Kolonien welche den Zylonen Angriff zurückschlagen wird. Insgesamt 40 geheime Kampfsterne. Sie sind gerade aus einem zylonischen Jäger herausgekrochen. Aufgrund des Wissens um die Zylonen bezweifle ich dass sie unter einer Narkose standen. Also... geben sie mir etwas womit ich arbeiten kann?"
Tek lauschte genau auf den Wortlaut der nun kommen würde. Nun pokerte er. War es eine zylonische Kollaborateurin, würde ihre Stimme nun zittern. Eine dreizehnte Flotte hatte nie existiert aber vielleicht war sie wirklich geheim gehalten worden und 40 voll einsatzbereite Kampfsterne waren eine nicht zu unterschätzende Streitmacht. Sie würde in der Stimme geringfügig zittern wie jeder Mensch egal wie unwahrscheinlich diese Behauptung sei.
Sally grinste immer noch breit.
"Ja, Sir!" erwiderte sie. "Ensign Wainwrigt, Sir, Captain, Sir.
Dieser Name... Maybelline Jade... Sie könnte sich ebenso gut Dolce Gabbana nennen. Oder Maria Smith-Wesson... wenn Ihnen das mehr sagt."
Sally versuchte ein ernstes Gesicht zu machen, was ihr aber nicht gelang.
"Dieser Name... ist der einer äh... Kosmetikbranche, Sir. Und ich glaube nicht, dass wirklich so jemand heißt, Sir."
Doch Captain Jameron hatte sie nicht mehr beachtet, weshalb Sally immer noch grinsend sich wieder der Frau im Raumanzug zuwandte, die da an den Raider geklammert im Nichts hing.
Caroline war nicht ganz so albern und nickte nur.
"Sie hat recht, Captain. Der Name ist... ein Markenname. Würden Sie eine Tochter noch Mercedes Benz nennen wollen? Wenn Sie tatsächlich Benz mit Nachnamen hießen?"
Gedanklich schüttelte sich Tek bei dieser Aussage.
Danke sie halten mich also für einen absoluten Schwachkopf Ensign. Eine Hauptzutat aus dieser Branche stammte immerhin aus den weitläufigen Ozeanen Picons. Schwer in der Schulzeit an dieser Information vorbeizukommen. Ich mag mit Frauen Probleme haben das ist mir durchaus klar.
Nun meldete sich auch noch die ECO zu Wort bevor er seinen Text durch den Äther schickte. Vermutlich wusste sie nicht... das Mercedes die Tochter eines Herrn namens Benz war und er die Marke nach ihr benannte aber egal so viel zur Schulbildung. Plötzlich nach seinem Text über die geheime nicht existierende Flotte wurde es sehr ruhig im Funk. Volltreffer.
May hatte von dem Gelächter nichts mitbekommen. Ihr Gegenüber hatte den Sender nicht aktiviert. Weshalb nicht, wusste sie nicht. Der Funk war mitten im Satz abgebrochen.
Nun war der Captain wieder da und berichtete ihr von Unglaublichem!
Eine 13. Flotte! 40 Kampfsterne! Das war... eine Streitmacht mit der gerechnet werden musste. Aber wieso wussten sie nichts davon? Im Verteidigungsnetzwerk war jedes aktive Schiff aufgeführt. Und ihnen waren nicht viele durch die Lappen gegangen. May wusste zwar keine Einzelheiten aber von einer 13. Flotte - dessen war sie sich sicher - war niemandem etwas bekannt.
Auf einmal hatte ihre so schön anmutende Idee von einer Verständigung mit den Menschen eine völlig andere Bedeutung! Auf einmal erschien sie... notwendig! Sie hoffte inständig, dass der Centurion im Schiff alles mitgeschnitten hatte, was gesagt wurde und es sicher speicherte.
Aber wichtiger für sie war noch immer das Überleben.
Sie atmete ein paar Male tief durch um ihre Stimme einigermaßen sicher klingen zu lassen. Dann sagte sie: "Captain Jameron, mir ist nicht klar, was sie unter 'etwas zum Arbeiten' verstehen, aber ich bitte Sie ganz einfach nur, mir das Leben zu retten und mich bei sich an Bord zu nehmen. Ich..."
Sie schluckte schwer. Das war jetzt die Sekunde, die zwischen Leben und Tod stand!
"...ich bin kein Mensch. Ich bin eine Zylonin. Und ich ergebe mich Ihnen!"
Bei allen verfrakten Göttern, ein menschlicher Zylon? Es gab keinen Punkt den Tek an der Geschichte hätte zweifeln lassen. Sie erklärte zu gut die Funksprüche beim Untergang und die Effektivität der Blechköpfe besser als jeder Kollaborateur und noch dazu hatte die Frau... das Ding keinen Grund zu lügen. Noch bevor die beiden anderen an Bord etwas sagen konnte sagte Tek lauter und bestimmend.
"Ruhe bewahren. Das ist ein Befehl" Er kannte die beiden nicht wirklich und hoffte das die Energie in den Worten reichen würde sie wenigstens kurz ruhig zu halten. Das musste ja auch für sie eine ungeheure Aktion sein. Dann wandte er sich wieder der Zylonin zu.
"Zylonin... Gemäß der Gesetze der 12 Kolonien von Kobol berufe ich mich auf das Bergungsrecht kriegswichtigen Materials. Sie sind ab sofort Eigentum der kolonialen Flotte. Und kommen sie mir nicht mit Paragraphen für Kriegsgefangene. Sie sind keine Person sondern ein Ding. Werfen sie alle Gegenstände und Waffen die nicht für den Raumanzug notwendig sind in den Jäger zurück und stoßen sie sich in Richtung der Schleuse des Raptors ab. Sollten sie von dieser Anweisung abweichen... sind sie zerstört. Sobald sie an Bord sind legen sie den Raumanzug ab. Ausführung jetzt!"
Sollte sie ruhig einen Hieb bekommen. Sie war keine Person sondern ein Gegenstand. Und das würde er sie spüren lassen. Dann wandte er sich an Sally.
"Ensign sobald sie vom Jäger weg ist... jagen sie das Schiff hoch und währenddessen... alle Funkfrequenzen stören. Sie übernehmen die Schleuse ich will immer eine Waffe auf den Kopf dieses Dinges gerichtet sehen."
Mitten im Sprechen wandte er sich an Sweety im Hintergrund so dass diese ihre Anweisungen bezüglich Frequenzen und Waffen bekam.
Sally war völlig konsterniert. Nein, geschockt traf es schon eher.
Kein Zylon... Eine Zylonin! Eine... 'Sie'!
Sally hatte die Zylonenmodelle, die in den verschiedenen Museen ausgestellt war, gesehen. Sie hatte schon zu ihrer Schulzeit mit ihrer Klasse ein solches Museum besichtigt und mit einer Mischung aus Furcht und Faszination vor dem gold-silber glänzenden Zenturion gestanden. Und jetzt... eine Frau?
Vor ihrem geistigen Auge entstand die Vision einer metallenen Person mit schlankeren Maßen und metallenen Brüsten aber immer noch mit diesem roten Leuchtauge, was im Kopf hin und her pendelte. Es gab genug Cartoonfilme mit solchen Wesen, die Filmemacher in den Kolonien waren fleißig und fantasievoll gewesen. Sogar ein Zylonenauto hatte es gegeben, aber das war eines von den Guten gewesen. Sally schüttelte leicht mit dem Kopf. Was für einen Quatsch hatte sie sich damals bloß angeschaut...
Die Worte des Captain rissen sie aus ihren Gedanken. Ruhe halten! Ja, klar! Das Scherzen war Sally völlig vergangen. Was zunächst wie ein blöder Witz klang hatte eine völlig andere Bedeutung bekommen. Nur warum wollte der Captain jetzt einen gemeingefährlichen Blechkameraden an Bord holen? Weiblich oder nicht?
Aber... warum zum Kuckuck trägt dieses Ding denn dann einen Raumanzug???
Sally war immer noch ein wenig verwirrt aber ihre Verwirrung ging langsam in eine Besorgnis über. Nun, der Captain würde ja sicher wissen, was er tat. Bislang klang er zwar im höchsten Maße gestresst aber weitgehend vernünftig. Andererseits... Wer er war wusste Sally nicht. Und dass er mal so eben das Kommando übernahm... ohne dass er sich wirklich autorisieren konnte... der Code seines Raptors dagegen war schon korrekt. Aber... ach, sie wusste es nicht.
Caroline war ebenfalls sehr besorgt aber aus ganz anderen Gründen. Sie wusste von menschlichen Zylonenmodellen und auch wenn sie selbst noch keines davon zu Gesicht bekommen hatte, hatte sie die Bilder in der Datenbank gesehen. Wenn sie hier ein solches Modell hätten, wäre das sicher ein guter Fang. Sie zog also ihre Waffe und begab sich zu der Seitenluke.
"Alles klar!" sagte sie und nachdem sie die Rückmeldungen der anderen beiden bekommen hatte, ließ sie die Luft abpumpen. Dann ließ sie das Schott aufschwingen um die verhasste Feindin in Empfang zu nehmen.
Maybelline hatte sich fast verschluckt, als sie die letzte Aussage des Captain gehört hatte.
Sie war ein 'Ding'! Ihr Mut sank. Die Menschen hatten sich nicht geändert.
'Bergungsrecht'. Sie war sein Eigentum! Kurz schloss sie die Augen. Warum nur musste das alles so kommen. Sie war so glücklich auf Virgon gewesen. Damals, vor dem Angriff. Der Innenminister war kein junger Mann mehr gewesen aber er war sehr nett und zuvorkommend und aufmerksam in der Liebe. Ihre Tage und Nächte zusammen waren immer sehr zärtlich gewesen und auf den Veranstaltungen zu denen er sie mitgenommen hatte, war sie von allen immer mit großer Höflichkeit behandelt worden. Auch von den Millitärs. Aber jetzt, jetzt war sie nur noch ein Ding, weniger wert als ein Hündchen, das man liebte.
Aber sie wollte leben. Also stieß sie sich ab von dem Jäger und schwebte die 10 Meter herüber zu der geöffneten Luke des kolonialen... des feindlichen Fahrzeuges in der sie die Gestalt eines Menschen sah, der sie mit einer gezogenen Waffe empfing.
Kaum dass sie an Bord war, wurde die Luke schon geschlossen und sie spürte, wie das Fahrzeug Fahrt aufnahm. Sie sah den Menschen - eine Frau! - ihr gegenüber mit ihrer Waffe auf ihren Kopf zielen und hob vorsichtshalber beide Hände hoch. Sie hatte sich das alles so viel entspannter vorgestellt, aber so... hoffentlich ließ man sie nur leben...
Sally nahm, kaum dass die Luke wieder zu war, Fahrt auf um Abstand von dem Raider zu gewinnen. Wenn sie aus dieser Distanz feuerte würde das nur Schäden am eigenen Schiff verursachen. Ein-zweitausend Meter waren da ein viel komfortablerer Abstand. Sie nahm Maß, aktivierte die Gatlings und feuerte dann ein paar Salven in den Antriebsbereich des Zylonen.
In einem hellen Feuerball verging das feindliche Schiff. Thylium war schon ein klasse Sprengstoff!
Dann sah sie sich zu der Gefangenen um, die Captain Jameron und Caroline inzwischen in die Zange genommen hatten. Caroline hatte der Frau deren Waffe abgenommen, und sie außer Reichweite abgelegt. Sally stand auf und nahm sie an sich. Das wäre doch mal ein Stück Beute, dass sie sich durch den Abschuss redlich verdient hatte! Dann sah sie neugierig zu der Zylonin, ob diese wirklich so monströs war wie in den Cartoonserien.
Tek atmete tief durch als die Lufts des Raptors abgesogen wurde. Kurz betrachtete er gedankenverloren das verschwommene Spiegelbild seines Gesichts im Helmvisier. Er versuchte wie es ihm beigebracht wurde die Gefühle auszuschalten und nur die Fakten sowie seine Intuition zu sehen.
Zylon! Anhand des Raumanzugs vermutlich menschliche Form. Entweder eine Maschine die Menschlich aussah oder - was wahrscheinlicher war - eine genetische Kopie eines Menschen und gedanklich programmiert. Letztendlich waren auch die Menschen nur Maschinen, sicher biologische und welche die sich selbst durch die Natur und die Götter von Kobol entwickelt hatten, aber auch ihre Gehirne funktionierten nur über elektrische Impulse. An den ganzen Schwachsinn von einem Leben nach dem Tod glaubte er kaum. Warum hatten diese Zylonen eine Frau hier rausgeschickt? Warum eine Frau, warum gerade das? War es eine Falle für ihn? Nein dazu war er zu unbedeutend. Nun er würde ja sehen was passiert. Verfrakte Zylonen aber auch.
Nun die Peitsche war gezeigt. Nun musste sie sie auch noch spüren. Sie war eine Zylonin und er würde ihre Programmierung schon brechen und ummodeln.
Sweety ging an die Luftschleuse und öffnete sie um sofort mit der Waffe auf den Kopf der Zylonin zu zielen. Tek legte die rechte Hand auf seine Waffe am Gürtel und baute sich bereits auf während die Zylonin die Hände hob und die Luft zurück in den Raum des Raptors zischte. Sweety nahm der Feindin die Waffe ab und liess sie nach hinten über den Boden schlittern. Dass Sally sie sich in seinem Rücken nahm sah er nicht während er sich in aller Ruhe den Helm abnahm und die Hand wieder auf seine Waffe legte.
"Zylon Jade... sie sind meiner Anweisung nicht gefolgt, die Waffe in ihren Jäger zu werfen... und bislang stehen sie noch in einem Raumanzug der potentiell gefährliche Dinge verbirgt. Ich werde mich nicht wiederholen. Letzte Chance oder Deaktivierung durch Kugel im Kopf. AUSZIEHEN!"
Tek atmete tief durch. Den letzten Befehl hatte er hart kommandierend gebrüllt. Er hasste es, aber es musste sein. Für die Menschheit und die Kolonien. Und das was sich unter dem Raumanzug abzeichnete war kein Mensch sondern eine Maschine, verfrakt. Nichts von diesen Gedanken und seiner geistigen Anstrengung ließ er im Gesicht niederschlagen.
Maybelline Jade zuckte zusammen, als das gebrüllte Kommando an sie gerichtet wurde. Hunderte von Gedanken schossen ihr durch den Kopf aber nicht einer blieb greifbar. Was blieb war die Angst. Angst vor Gewalt aber auch Todesangst. Und die war stärker als alles andere.
Sie nahm den Helm ab und ließ ihn zu Boden fallen. Dann, in der Gewissheit, dass dieser Mensch seine Drohung gewiss wahr machen würde, sie hier und jetzt kaltblütig zu töten, zog sie ihren Raumschutzanzug aus, unter dem sie nichts weiter als einen modischen aber völlig unzweckmäßigen Slip trug.
Sally hielt die Luft an. Jetzt würde sie sehen, ob ihre Vorstellungen von einem weiblichen Zylonen den Tatsachen entsprachen. Sie taten es... nicht!
Zu Sallys Verblüffung kam unter dem schwarzen Helm der blonde Schopf einer ganz normalen jungen Frau zum Vorschein. Oder besser, einer ausnahmslos hübschen jungen Frau! Einer Frau, der die Angst vor dem, was ihr bevor stand deutlich ins Gesicht geschrieben stand.
AUSZIEHEN!
Jetzt war es Sally, die zusammenzuckte. Hatte sie eben noch kaltblütig die Handwaffe der Zylonin an sich genommen und sich nur wenige Minuten zuvor noch gefragt, weshalb der Captain diese potentiell gefährliche Maschine überhaupt an Bord nehmen wollte, so sah sie jetzt voller Bestürzung, dass eben dieser Captain diese Frau seinerseits kaltblütig demütigte! Eine Frau, die, als sie fast völlig nackt dastand, alles Mögliche war, aber kein gefährlicher Feind. Unmöglich!
"AUFHÖREN!" Dieser Aufschrei war nicht minder laut als das eben noch gegebene Kommando von Captain Jameron.
Sie folgte Teks Aufforderung prompt und ohne Wiederstand. Die Angst vor der wie Tek es nannte Deaktivierung standen ihr klar in das Gesicht geschrieben. Gut der Peitschenhieb hatte sie getroffen. Doch dann musste er schlucken, etwas was die Zylonin und sicher auch Sweety bemerken würden doch nicht die in seinem Rücken sitzende Sally. Die Zylonin hatte einen bei den Göttern Aphroditengleichen Körper und hatte nichts ausser einem Slip an. Warum, verfrakkt, hatte sie nur einen Slip an... natürlich der Zylonische Raumanzug war deutlich enger als sein koloniales Pendant. Er würde sicherlich nicht irgendwo scheuern wenn man nichts drunter trug. Dann folgte ein Aufschrei von hinten.
"AUFHÖREN!"
Nur kurz zuckte er zusammen als die gellende Stimme durch den Raptor hallte. Natürlich Frauen, was auch sonst. Sie hatten eben keinen Blick für das wesentliche oder auch nur Verständnis für das Taktieren. Wahrscheinlich war die Frau deshalb auch nur Ensign. Würde sich sicher auch nicht auf kurz oder lang ändern.
"Ensign Wainewright, niemand fragte nach ihrem Kommentar. Setzten sie bitte Kurs auf die Rycon und sobald wir in sicherer Entfernung sind, dass kein Zylon mithört melden sie uns an mit einem Gast."
Tek lächelte leicht. Nun wich er ab. Die Peitsche war gegeben nun würde er das Zuckerbrot geben. Alleine die Anrede sollte dies schon verdeutlichen: Gast... nicht Fracht. Ein kleiner aber feiner Unterschied. Tek musterte, kurz innerlich mit sich ringend, die zylonische Frau und strich kurz über seine Waffe um sich selbst zu beruhigen.
"Nun, Miss Jade... ich denke sie verstehen wieso sie den Raumanzug ablegen mussten. Ich möchte nicht riskieren das sie eine Bombe oder ähnliches zünden. Da ihr Körper offenkundig menschlicher Natur ist, gehe ich nicht davon aus, dass sie eine Bombe implantiert haben. Ich hoffe sie werden dieses Vertrauen nicht enttäuschen."
Sally konnte ihren Blick kaum von der blonden Frau wenden. Das war keine Feindin! Nie im Leben!
Dann bedachte sie Captain Jameron mit einem finsteren Blick. Bombe! In einem Raumanzug! Was für eine alberne Idee.
"Mr. Jameron, auf
meinem Schiff wird kein Gefangener gedemütigt oder misshandelt. Nehmen Sie das bitte zur Kenntnis. Setzen Sie sich bitte auf ihren Platz. Und Sweety, gib der Frau ihren Anzug zurück. Leg ihr in Zeus' Namen Handschellen an oder sowas aber das reicht dann auch."
Und an die Zylonin gewandt sagte sie dann: "Dies ist mein Schiff. Und ich anerkenne Ihren Status als Kriegsgefangene mit allen Rechten und Pflichten gemäß der kolonialen Millitärgesetzgebung."
Caroline hatte bei Sallys kurzem Ausbruch nur mit den Augen geblinzelt. Und dann einfach nur die Luft angehalten. Ihr Götter, was erlaubte sich ihre Pilotin denn nun schon wieder? Hatte sie etwa eine Meuterei im Sinn? Frak!
Jetzt saß sie aber übel zwischen den Stühlen. Okay... nach den Dienstvorschriften war der Pilot eines Raptors der Truppführer. Bei ihnen beiden kam aber das Problem hinzu, dass sie mit ihrem höheren Dienstgrad dieses Prinzip durchbrach. Aber die Dienstposition überwog den Dienstgrad.
Aber nur dabei! Denn der Captain stand so deutlich über dem Ensign, dass er wohl das Kommando innehatte. Es sei denn... Aber das war ein gewagtes Spiel. Ein
sehr gewagtes Spiel..! Und noch war sie nicht sicher, ob sie das auch spielen wollte.
Tek atmete tief die Luft ein. War diese Pilotin eigentlich wirklich so schwer von Begriff? Nein, die Situation war ja nicht schon schwer und kompliziert genug, nein, man musste es noch komplizierter und noch problematischer machen.
"Ensign Wainwright. Sie vergreifen sich im Ton. Falls sie es vergessen haben, ist sie nichtsdestotrotz ein Zylon. Eine Maschine. Gedenken sie also Jäger und Centurios ebenfalls den Gefangenenstatus zu gewähren? Wenn ja muss ich sie verhaften, da sie gerade einen solchen Gefangenen da draußen zerstört haben. Sie sollten auch bedenken, dass genau diese Reaktion, die sie zeigen, von den Zylonen intendiert wird. Oder was glauben sie wohl welches Zylonenmodell die Kolonien infiltrierte, die Flotten lahmlegte und dann ein paar Billionen Megatonnen auf unsere Heimat fallen liess.
Es liegt mir vollkommen fremd unnötig grausam zu sein, aber ich werde nicht blauäugig in die Höhle der Medusa gehen. Ausserdem... glauben sie, die Marines der Rycon werden ihr gestatten ihren Raumanzug anzubehalten? So kann sie sich wenigstens daran gewöhnen und wird nicht mit Marinefreundlichkeit dazu gebracht."
Dann schaute er wieder zu Maybelline Jade auf eine Reaktion sowohl von Sally und Sweety wie von ihr wartend.
Sally hörte nur halb hin. Sie sah nur diese Frau, nackt, schutzlos und der Gewalt dieses Mannes ausgeliefert.
"Ich bin Kommandantin dieses Schiffes. Sie sind ein Schiffbrüchiger, den wir aufgenommen haben. Und bis zur offiziellen Bestätigung durch die zuständigen Stellen der Rycon sind Sie nur Passagier."
Sie zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die Zylonin.
"Wir wissen nicht einmal, ob sie wirklich eine Zylonin ist."
"Doch, Sally, das ist sie!" warf Caroline ein. "Es gibt ein Bild von ihr auf der Rycon. Oder von einer...äh... Schwester von ihr."
"Was?" keuchte Sally. "Du meinst, sie gibt es mehrmals?"
"Ja!" warf auch die blonde Zylonin ein. "Ich bin ein Modell der Serie 6. Aber ich lebe! Ich habe Gefühle. Und ich will nicht sterben..!"
Sally sah die Zylonin an, dann Sweety und den Captain. Sie war deutlich überfordert von der Situation. Dann schüttelte sie den Kopf.
"Sie sind... eine Zylonin. Gut. Aber sie sind keine Maschine. Nicht wie diese Toaster. Auf keinen Fall. Und den Raumanzug..."
Maybelline kam ihr zuvor: "Es macht mir nichts aus."
Sie versuchte ein Lächeln. "Ich schäme mich nicht. Und ich friere auch nicht. Es ist in Ordnung!"
Wieder war Sally leicht überfordert.
"Okay. Setzen Sie sich... dorthin!" Sie zeigte auf einen der Klappsessel für den Truppentransport.
Dann sah sie den Captain an.
"Sir, Captain, ich stehe dazu. Ich akzeptiere ihren Rang als Offizier der kolonialen Streitkräfte aber ohne eine offizielle Bestätigung darf ich Sie nicht als meinen vorgesetzten Offizier ansehen. Bitte akzeptieren Sie das und sehen Sie weiterhin davon ab, Befehle zu geben. Ihren Rat aber nehme ich dankbar an." Sally hoffte, dass sie die Kurve noch einmal bekommen hatte.
Naja wenigstens hatte die Pilotin Eier in der Hose... auch wenn ihr Gehirn und Gehör offensichtlich nicht zu den Paradebeispielen der Gattung Homo Sapiens gehörte. Noch ehe Tek etwas erwidern konnte mischte sich Sweety ein und obwohl Tek es nicht glaubte bezog sie mehr indirekt Stellung für ihn.
Oh ja, Perfekt! Warum zum Hades wussten niedrige Offiziersränge von diesen Dingen... Da musste es ja zwangsläufig auf der Rycon zu Misstrauen und Panik kommen.
Tek hörte der kurzen Diskussion zwischen den drei Frauen ruhig zu und beugte sich dann kurz zu Sally herunter und flüsterte leise, so dass nur sie das hören konnte:
"Dann hören sie auf meinen Rat Ensign. Sie ist ein Zylon kein Mensch. Hoffentlich haben sie das gelernt bevor ihre Schutzbefohlene ihre Brüder und Schwestern informiert wo die Rycon ist und diese aus der Rycon das gleiche Altmetall gemacht haben wie aus unserer Heimat."
Ruhig wandte er sich ab und setzte sich der Zylonin gegenüber und auch wenn es ihm Überwindung kostete, zwang er sich, ihr nur in die Augen zu sehen. An sich kostete ihn diese gesamte Situation unheimliche Kraft. Er hasste die Zylonen wie jeder seiner Familie. Im ersten Krieg waren sie an jeder großen Aktion beteiligt und hatten viele Angehörige verloren und nun hatten sie so ziemlich jeden ausser ihm erwischt. Gute und treue Soldaten der Kolonien. Und auf der anderen war es eine Frau, eine verfrakte Frau. Nicht gerade seine Stärke.
Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Irgendwo hatte er sie schon mal gesehen - oder eine andere ihrer Baureihe. Nur wo? Es war offensichtlich keine wirklich wichtige Begegnung sonst würde er sich genau erinnern. Wo hatte er sie gesehen?
So schaute er in ihre Augen. Eine Hand auf der Waffe nachdenklich in Gedanken versunken.
Sally war insgeheim wirklich dankbar, dass Captain Jameron jetzt keinen Stress machte. Und was er sagte, mochte grundsätzlich Hand und Fuß haben. Aber wie sollte eine - fast - nackte Frau jetzt ihre Schwestern und Brüder kontaktieren sollen?
"Ich werd' dran denken, Sir!" sagte sie und hob den schwarzen Raumanzug auf, der da am Boden lag und nahm ihn dann mit nach vorn ins Cockpit. Auch den würde sie so leicht nicht rausrücken.
Sally setzte sich in ihren Sitz und schnallte sich an. Noch immer war sie sowas von verwirrt. Menschliche Zylonen. Modellserie 6. Waren das Clones? Oder Cyborgs? Und wenn es ein Modell sechs war, gab es dann auch Modell Eins bis Fünf? Oder Sieben bis... Hundert? Tausend?
Das war... mindestens schlimm. Schlimmstenfalls eine Katastrophe. Wenn die anderen Modelle vielleicht wirklich aggressiv waren? Offensiv? Gefährlich? Wie viele waren an Bord der Rycon? Und was taten sie? Sie warf einen Blick zurück auf den Captain. Was, wenn auch er einer war?
Shit! Sie schüttelte den Kopf. Das war nicht ihre Sache. Sollte die Führung sich damit auseinandersetzen. Sie setzte erst einmal Kurs heim. Zur Rycon.
Maybelline Jade hatte ganz andere Gedanken. Sie war erst einmal froh, noch am Leben zu sein. Sie selbst zu sein. Und dass man ihr nichts angetan hatte.
Dass sie hier nun fast nackt saß, machte ihr wenig aus. Sie hatte nicht gelogen. Schamgefühle waren Ihresgleichen normalerweise fremd. Weshalb auch? Gott hatte ihre Körper geschaffen. Es wäre Blasphemie, sich dessen zu schämen!
Der Captain ihr gegenüber suchte den Blick in ihre Augen und sie erwiderte diesen Blick.
"Captain..?" fragte sie ihn dann. "Darf ich Sie etwas fragen?
Warum hassen sie mich so sehr?"
Leicht seufzte er. In einer Sache hatten die Zylonen neben dem Körper offenbar beste Arbeit geleistet. Frauen und Smalltalk. Es gab natürlich nichts wichtigeres, was ein Gefangener nun wissen wollte als warum man ihn hasst. Aber gut er würde ihr den Gefallen tun.
"Nun ist das so... unergründlich? Ich bin ein Jameron. Vielleicht haben sie den Namen schon einmal gehört in ihrer Infiltration der Kolonien. Ich bin mir zumindest sicher, dass genau dies vor dem Angriff passiert ist nachdem ich sie sah. Meine Familie war seit ewigen Zeiten eine stolze Soldaten-Dynastie. Vor der Raumfahrt gehörten wir zu denen, die die Ozeane Picons bereisten und unsere Kolonie verteidigten. Wir waren die ersten die im Raum kämpften um Picon unabhängig zu halten und zu der Macht werden zu lassen die Picon war. Und als sich eure Vorväter gegen uns wandten, waren wir die ersten die selbst Faust gegen Metall kämpfte bevor die ersten Schiffe starteten um euch zurückzudrängen. Wir haben euch nie gehasst ihr wart ein Feind, dem man ehrenvoll gegenübertreten konnte... damals. Die Verluste die wir im ersten Krieg erlitten waren hart aber wir schauten mit Stolz darauf zurück. So wurde ich erzogen...
Doch dann kamt ihr wieder. Ohne Kriegserklärung die diplomatische Station zerstörend. Die Flotte hilflos machend und etliche gute und tapfere Soldaten tötend ohne dass sie auch nur etwas tun konnten. Das war nicht ehrenvoll. Das war ein feiger, dreckiger Massenmord. Wenn Zeus einem Titanen begegnet... ist es als wenn ich euch begegne. Verstehst du das?"
Zum Ende steigerte er sich in seine Worte hinein. Aber es musste raus. In seinen Worten schwang Zorn, Hass, Wut und verletzter Stolz mit. Tek hatte wie die meisten bei dem Angriff alles verloren. Doch das war nicht das, was am meisten schmerzte. Jeder der Flotte wusste, dass es irgendwann zu Kampfhandlungen kommen konnte. Jeder Viperpilot war seines Glückes Schmied. Doch der Angriff der Zylonen war ohne Kriegserklärung gekommen, ohne Möglichkeit, etwas zu tun. Ständig kamen ihm die Gedanken, wie er sich wohl an Bord eines der mächtigen Kampfschiffe gefühlt hätte, als das Licht erlosch, die Gravitation ausfiel, man spürte, dass man bereits tot war bevor auch nur eine Salve getroffen hatte. So schaute er sie an auf ihre Antwort wartend.
Maybelline lächelte leicht. Der Captain war ein stolzer Mann. Und jetzt erinnerte sie sich auch an ihn.
Es war bei einem Empfang gewesen. Vertreter von Virgon und von Picon waren dabei gewesen und auch einige Militärs. Und dieser stolze Mann war auch dabei gewesen.
"Ich erinnere mich an Sie, Captain. Auf Virgon. Bei einem Empfang. Sie haben mir die Hand geküsst."
May lächelte bei der Erinnerung. Er war so steif gewesen, nahezu verkrampft. Als Adjutant eines Generals oder Admirals... was auch immer... Und jetzt war er voller Hass.
"Sie fühlen deshalb Hass, weil sie sich betrogen fühlen, nicht wahr? Betrogen um die Chance, die man ihnen nicht gelassen hatte. Die Chance zu siegen und unser Volk zurück zu schlagen. Aber geht es denn in einem Krieg nicht darum zu siegen? Und wenn man durch eine List viele Opfer sparen kann?
Ich verstehe nicht viel von Krieg. Das ist überhaupt nicht mein Gebiet. Ich kann nicht kämpfen. Ich wurde auch sofort besiegt und getötet. Aber ich hasse euch nicht. Nicht einmal dafür, dass ihr mich getötet habt.
Wir alle fürchten euch. Wir fürchten euren Zorn, eure Wut und euren Hass. Ihr habt uns nie in Ruhe gelassen. Wenn wir nicht genau das taten, was ihr wolltet, wenn wir nicht eure Sklaven waren, dann mussten wir eure Wut fürchten. Auch nach dem Friedensschluss war das so. Eure Sensoren und Scanner haben immer wieder versucht, uns auszuspähen. Stets mussten wir in Furcht leben, von euch erneut angegriffen zu werden. Immer. Und diese Furcht besteht auch jetzt noch, nicht wahr?"
May sah den Captain nun genau an.
"Und auch ich muss euren Hass, eure Wut und euren Zorn fürchten, richtig?"
Warum lächelte diese Zylonin nun... war seine Erklärung so zum schmunzeln gewesen. Verdammt, er spürte dieses leichte Lächeln bis tief in sich. Verfrakte Frauen und ihre seltsamen fast schon magischen Fähigkeiten! Sie lächelte und sprach dann und als sie es sagte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die jugendliche Freundin des virgonischen Innenministers. Diese Zylonin war die Freundin des Innenministers gewesen! Er hatte sie auf dem Ball gesehen und sich noch gedacht, wie seltsam die beiden zusammen aussahen und das sie doch mehr etwas für einen jungen Offizier statt einem alten Politiker wäre. Diese Erkenntnis traf ihn so hart, dass er laut genug ausstieß, dass auch Sweety und Sally es hören konnten.
"Sie waren die Freundin des Innenministers von Virgon!"
Sie ging über diese Aussage hinweg und während ihrer Ansprache, ihrem Versuch der Erklärung, konnte Tek sich ein wenig sammeln und doch sah er sich plötzlich in der Rolle eines Verteidigers - eines Verteidigers von Monstren - und ihm kam die lösende Idee. Das Stück Puzzle, was im Gesamtbild fehlte. Nachdem sie zu Ende war, erhob er das Wort.
"Wir... sind vergänglich. Wenn wir sterben, stehen wir nicht mehr auf. Unser Wissen geht verloren. Ja wir hatten Furcht. Furcht, die ihr genähert habt. Wir warteten in der Hoffnung auf Verbesserung auf eure Diplomaten. Wir ließen euch alleine. Doch unsere Furcht vor einem erneuten Angriff ließ uns die Grenze beobachten. Wie ihr es offensichtlich auch tatet. Doch wir schickten jedes Jahr einen Abgesandten. Von euch... keine Spur.
Wir wurden älter... viele die den Krieg erlebten, schieden aus dem Amt oder sogar aus dem Leben. Die wenigsten der Soldaten, die ihr tötetet, hatten je einen Krieg erlebt. Die letzten verbliebenen beobachteten euch aus diesem Grund noch genauer suchten euch. Befürchteten eine List. Womit sie nicht unrecht hatten; vielleicht aus falschen Beweggründen.
Wenn eure Soldaten sterben... wie lange dauert es bis ihr sie ersetzt habt? Um einen gefallenen Menschen zu ersetzen... braucht es gute 19 Jahre... Wir sind in so vielerlei Hinsicht unterlegen, dass wir vorsichtig sein mussten."
Kurz schloss er die Augen und atmete durch. Sie zog an psychologischen Schnüren und er hatte nichts gegen diese Fähigkeit einzusetzen.
"Nein, meinen Hass haben sie nicht zu fürchten wenn sie beginnen zu verstehen was es bedeutet, Mensch zu sein. Es ist mehr als eine körperliche Form."
Maybelline schloss die Augen, ihr Gesicht war aber weiterhin ihm zugewandt.
"Ich weiß genau, was Sie meinen." sagte sie. "Auch ich fürchte den Tod. Wenn ich diesmal sterbe, werde ich vernichtet sein. All das, was mich ausmacht, mein Wesen, meine Erfahrungen und mein Wissen werden verloren sein. Dann bin ich, Maybelline Jade, tot."
Sie öffnete wieder ihre Augen.
"Das meinten Sie, nicht wahr? Ist es nicht das, was Menschsein auch ausmacht? Das, und die Fähigkeit zu lieben, zu fühlen und... Kinder zu bekommen?"
"Frak!" warf Caroline ein, die nicht länger nur zuhören mochte.
"Gefühle! Pah! Das sind alles nur Simulationen."
Sweety war wirklich empört. Sie hatte die Promachos gesehen, hatte Hammers Leid erlebt und wusste genau, was sie von den Zylonen zu halten hatte. Wenn sie jetzt Pseudolebewesen auf die Menschen losließen, dann waren das eben Pseudolebewesen. Mehr aber auch nicht. Und wenn sie zehnmal vorgaben, zu leben!
May sah die ECO kurz an, dann wandte sie sich wieder an den Captain.
"Ja. Ich war die Freundin des Innenministers. Er war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre Witwer. Ich lernte ihn kurz nach dem Tod seiner Frau kennen. Es... war arrangiert. Aber meine Gefühle ihm gegenüber waren echt. Er war ein sehr netter Mann. Sanft und milde. Ich... ich habe ihn nicht ausspioniert. Das war nicht mein Auftrag."
Sie sah zu Boden, fixierte ihre nackten Zehen. "Es war ein brutaler Tod, im Feuersturm. Aber es dauerte nur wenige Sekunden. Dennoch werde ich es nicht vergessen. Wenn Sie mich lassen!"
Tek hörte ruhig und dennoch angespannt zu. In ihm war ein Feuersturm am toben. Hass, logisches Denken, Loyalität, Offiziersverhalten, etliche widersprüchliche Verhaltensweisen, die um seine Handlung kämpften. Die ECO hatte nicht unrecht. Eine Simulation mochte vielleicht sogar glauben dass sie unabhängig war. Ein System kann ein Höheres nicht begreifen. Nach außen hin jedoch zeigte er seine Aufgewühltheit nicht sondern fixierte die Zylonin nur erneut.
"Miss Jade... Was war dann ihr Auftrag? Und können sie mir garantieren dass ihre Mitzylonen sie nicht per Fernsteuerung übernehmen? Können sie mir glaubhaft versichern, dass ihre Emotionen wahr sind und nicht nur eine wunderbar perfekt programmierte Simulation? Können sie sich dies selber überhaupt versichern? Entschuldigen sie den Vergleich, aber eine Laborratte weiß nicht, wie dass das Labyrinth, durch dass sie rennt, funktioniert. Wenn sie verstehen was ich meine.
Und zu dem brutalen aber kurzen Tod. Was ist mit denen, die nicht im Epizentrum der Explosionen waren. Die Leute der Berge... die, die zwischen den Explosionen waren. Ein Strahlungstod... ist lang und mehr als schmerzhaft, wie sie sicher wissen. Wie viele waren dies? Hundert? Tausend? Zehntausend? Wie viele waren dies auf allen zwölf Kolonien..."
Tek atmete tief durch. Dies hier war nicht produktiv, das wusste er. Man könnte es durchaus psychologische Folter nennen... doch sie sollte alle Seiten sehen, sollte sich deswegen ruhig schlecht fühlen. Es sollte ihr nicht gestattet sein, wenn sie denn wirklich reale Gefühle besaß, dies zu verdrängen. Und vielleicht gelang es ihm ja sogar, in ihr Hass auf ihre Brüder und Schwestern zu entwickeln. Vielleicht... würde dies auf der Rycon und in ein paar Monaten einen Gegenschlag eröffnen. Agenten in den Reihen der Zylonen, genau wie sie es taten, um ihre Flotte an einen Punkt zu locken, kampfunfähig zu machen und dann zu vernichten um einen erneuten Status Quo zu verhandeln. Vielleicht und Wenn. Viele davon. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt.
May schaute dem Offizier direkt in die Augen.
"Mein Auftrag? Sie meinen, meinen ersten Auftrag auf Virgon, ja? Das..."
Sie zögerte. Sollte sie das jetzt schon alles preis geben? Natürlich würde sie auf dem kolonialen Schiff - sicher einer der zahllosen Battlestars, von denen dieser Captain gesprochen hatte - verhört werden. Vielleicht würden die Kolonialen es ja positiv werten, dass sie so kooperativ war. Oder sie würden glauben, dass sie ja alles schon gesagt hatte und sie entsorgen. Oder... weil sie so leichtfertig alles erzählt hatte, was sie wusste, annehmen, dass es gelogen wäre.
Sie beschloss, einen Mittelweg zu gehen. Nichts Ganzes und nichts Halbes.
"Ich sollte den Innenminister kennen lernen und ihn für mich einnehmen. Ihn ablenken. Damit er im Falle einer Inneren Krise handlungsunfähig wäre. Das erwies sich als unnötig. Mein ganzer Auftrag war völlig unnötig. Er... und ich starben in den ersten Sekunden dieses Krieges."
Wieder sah sie diese schrecklichen Bilder vor sich. Der gleißende Lichtblitz, die Hitzewelle, die Druckwelle... Sie blinzelte die Erinnerungen weg. Doch sie würden wieder kommen. In den Alpträumen. Wie immer.
Dann kam eine ungewöhnliche Frage. Fernsteuerung?
"Wie meinen Sie das... übernehmen? Ich bin eine Zylonin aber kein Werkzeug oder sowas. Niemand kann einen Zylonen... übernehmen." Von Schläferagenten wollte sie jetzt nicht anfangen. Sie war keine. Nicht mehr.
"Und meine Emotionen sind so echt wie ihre. So, wie ich ebenso organisch bin wie Sie. Können Sie versichern, dass Sie ein Mensch sind? Dass Ihre Erinnerungen alle echt sind? Oder dass sie nicht nur ein Programm in einer Maschine sind, eine virtuelle Figur in einer Simulation? Niemand kann das. Aber ich empfinde mich als echt. Als lebendig."
Dass er über die zahllosen Menschen nachdachte, die nicht sofort umkamen, sprach sehr für ihn. Und es gab Überlebende. Sie wusste das, sie war ihnen in die Hände gefallen.
"Es gab viele Überlebende. Mein zweiter Auftrag auf Virgon war es, sie zu finden und einzusammeln. Ich war ineffizient. Nicht ich habe sie gefunden, sondern sie mich. Und sie waren nicht zimperlich. Ich war eine Frau und sie waren Männer. Sie können sich vorstellen, was geschah. Dennoch hasse ich euch nicht. Nicht die Menschheit als solche."
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tbc